«Es ist ein Mädchen!»

Man kennt das ja, oder? Geh ich mal ungeschminkt aus dem Haus, heisst es: «Bist du krank? Du siehst so müde aus!». Kurze Haare: «Ach, mir gefiel’s einfach besser vorher. Jetzt siehst du so unweiblich aus.» Zum Vorstellungsgespräch: Besser drei Stunden vorher mit den Vorbereitungen beginnen, damit nicht nur die Garderobe, sondern auch das Make-up, die Frisur, der Schmuck, die Fingernägel, das Parfum und die unbequemen Stögelis sitzen – Skills und CV hin oder her. Bei der Coiffeuse werde ich gefragt, wieviel Zeit ich bereit bin, morgens in meine Frisur zu investieren. Die Antwort «eine Minute» führt dazu, dass sie mich mitleidig-irritiert anschaut und mir zu verstehen gibt, dass das so nie etwas wird mit meiner Erscheinung. Ein bisschen Disziplin muss her, bitte! Und wieso bezahle ich eigentlich einen Hunderter und mein Kollege einen Fünfziger, wenn wir beide genau 45 Minuten beim Coiffeur sitzen und uns den Kurzhaarschnitt nachschneiden lassen? Klar, es zwingt mich niemand mit der Pistole, bei diesem ganzen Schönheitszirkus mitzumachen. Da ich aber trotzdem in dieser Gesellschaft aufgewachsen bin, ist das «ohne mich!» aber ziemlich schwierig, denn auch ich finde unrasierte Beine (leider!) potthässlich und habe das Gefühl, nachlässig, unweiblich, unattraktiv zu sein, wenn ich nicht mithalte. Also halt doch. Zähneknirschend – und die sollte ich vermutlich auch mal bleachen. Damit das Lächeln – das wichtigste Asset jeder Frau, nicht wahr? Lächel doch mal! – schön strahlend ist. Oh je.

Next. Die Mens bekommen, aber keinen Tampon dabei. Shit. Eigentlich ja kein Problem, eine andere Frau kann mir sicher einen geben. Aber Achtung, auf keinen Fall laut fragen! Nach einem Tampon (besser: einem «o.b.», das neutrale Codewort) wird diskret und leise gefragt, nie laut in der Runde. Die Übergabe findet dann auch wie ein Drogendeal statt: Möglichst unauffällig in der geschlossenen Faust. Damit niemand sieht, dass man die Periode hat. Überhaupt darf der Tampon als Symbol für die Mens nie sichtbar werden. Fällt er aus der Tasche: Peinlich. Deshalb nehmen viele Frauen gleich die ganze Tasche mit aufs WC. Der Faden hängt beim Bikini raus: Noch peinlicher. Blutflecken auf der Hose: Kill me already! Drum ist das «Blut» in den Bindenwerbungen wohl auch blau. Die Schmerzen und die Bluterei sowie die (hohen!) Ausgaben für Tampons, Binden oder Mooncups reichen ja. Da wäre es mehr als angebracht, man müsste sich nicht auch noch dafür schämen, dass man die Mens hat. Wäre. Müsste. Argh.

Und weiter. In Gesprächen und Diskussionen reden viele Männer mit einem Selbstbewusstsein, dass mir die Kinnlade runterfällt, während aus meinem Mund nichts kommt, wenn ich nicht mehrfach überprüft habe, ob das zu Sagende auch korrekt und relevant ist. Bei den Männerbeiträgen in den Uniseminaren dachte ich manchmal, dass ich für all die Typen kompensiere, die ohne Kontrolle jeden Gedanken für mitteilungswürdig halten. Minutenlang. Ungefragt. Dasselbe im Zug. Ich: die Beine überschlagen, Hände auf den Oberschenkeln, Jacke verstaut. Mann neben mir: breitbeinig, Jacke hängt halb auf meinem Sitz, Ellenbogen auf den Armlehnen weit bis zu mir rüber. Beim Pendeln nach Bern: Eine Dauererfahrung. Beschwer ich mich, bin ich die nervige übersensible Emanze, die sich wegen jeder Kleinigkeit aufregt und darf mich streiten. Sag ich nichts, ärgere ich mich eine Stunde lang. Win-win!

Oder an der Berufsschule. Da kommt ein Schüler nach der Stunde zu mir und erklärt mir, wie ich heute meinen Job gemacht habe. «Heute fand ich sie besser als letzte Woche. Sie müssen sich einfach mehr durchsetzen! Sonst wird das nichts. Sie sollten unterrichten wie Herr M., der macht das super! Aber Frau S., das kommt schon. Heute ging es doch!» Als ich einer anderen Lehrerin davon erzähle und sage, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass LehrER solche nett gemeinten, aber furchtbar herablassenden Assessments und Ratschläge über sich ergehen lassen müssen und dass das nervt schaut sie mich nur komisch an und findet: Ich habe noch nie erlebt, dass Lernende Lehrerinnen anders behandeln als Lehrer?! Klar. Weil Sexismus nur ist, wenn mir jemand «Frauen sind scheisse» ins Gesicht sagt. Ach je.

Next. Ich wurde vor ein paar Jahren massiv sexuell belästigt. Ich hatte dem Typen, den ich lose kannte, auf dem Nachhauseweg mehrmals explizit gesagt, dass ich nur bei ihm auf den Zug warten wolle – nicht, damit er falsche Erwartungen hätte. Er fände das super, dass ich das so direkt klarmache, sagte er mir ausdrücklich. Zu Hause drückte er mich an die Wand und steckte seine Hand in meine Vagina, als ich konsequenterweise immer noch nicht mit ihm schlafen wollte. Ich flehte ihn weinend an, aufzuhören. Der Vorfall galt im Bekanntenkreis zwar als bedauerlich, aber es wurde weiterhin munter mit ihm Zeit verbracht, ohne grosse Diskussionen. Cool. Aber wen wundert’s, wenn eine Regierungspartei Witze über k.o.-Tropfen macht, Vergewaltiger wegen verpasster Karrierechancen gemilderte Strafen kriegen und Frauen selbst an Vergewaltigungen schuld sind wegen Kleidern, Alkohol, Aussehen oder was auch immer. Überhaupt Sex. Da läuft so viel schief, z.B. die Oralsex-Asymmetrie. Dass ich ihnen eins blasen würde, war für die meisten Typen selbstverständlich, und falls ich es nicht von mir aus tat, wurde ich dazu angehalten. Leider steht die Anzahl Blowjobs, die ich gegeben habe, in absolut keinem Verhältnis zur Anzahl der Male, die ich geleckt wurde. Als Frau gehört der Blowjob zum Standardprogramm, als Mann hingegen bist du der Held des Jahres, wenn du eine Frau leckst: Den musst du halten! Schätze dich glücklich! What the hell! Nur schon der Fakt, dass jedes Primarschulkind weiss, was ein Blowjob ist, das weibliche Pendant aber nicht mal einen allgemein verbreiteten Namen hat, sollte einem zu denken geben.

Natürlich, in einigen Hinsichten sind Frauen in der Schweiz weniger arg dran als anderswo. Ich bin froh, darf ich Autofahren. Muss ich keine Burka tragen. Darf ich abstimmen — seit 1971 resp. 1990 schon! Verdiene ich nur 18% weniger als meine männlichen Mitarbeiter. Aber was ist mit all dem Rest, dem mal leisen und dann wieder doch ganz schön lauten Sexismus? Ich könnte noch so viele Anekdoten an diesen Text anhängen. Was sagt es über Pornos aus, dass es eine female friendly Kategorie bei Youporn gibt? Wieso gilt es als schwach, emotional zu sein? Wieso ist es das Ideal, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen, statt radikalere Ideen zu erträumen? Ich hoffe, dass mir eines Tages die Fragen und Anekdoten ausgehen.

 

 

Es ist oftmals ganz schön frustrierend. Die Gesellschaft, in der wir leben, produziert haufenweise augenscheinliche Absurditäten: Menschen hungern, während Lebensmittel weggekippt werden. Menschen müssen unter Brücken schlafen, während Häuser leer stehen. Menschen werden in die Lohnarbeit gezwungen, während Maschinen diese zusehends überflüssig machen. Menschen müssen mit einer Schale Reis pro Tag überleben, während Katzen mit «DeliCatesse mit Lachs und Meeresfrüchten» gefüttert werden. Die Liste aller Brutalitäten ist schier endlos und niederschmetternd. Kämen morgen Aliens auf unseren Planeten, sie würden sofort erkennen, dass hier was grundsätzlich schiefläuft. Doch jene, die hier leben, scheinen sich an die Widersprüche gewöhnt zu haben. Mehr noch: Sie klammern sich oftmals gerade dann besonders verbissen an diese Welt, wenn man auf deren elenden Zustand hinweist.

Die Strategie der RealistInnen
Egal wie beschissen der Zustand der Welt und egal wie gut die Argumente dagegen: Den sogenannten RealistInnen fallenimmer neue Strategien ein, um nicht einsehen zu müssen, dass etwas grundsätzlich im Argen liegt. Da hüpfen sie von einem Thema zum nächsten und würgen jede Klärung ab. Da wird man selbst wegen des Alters oder der unterstellten Naivität lächerlich gemacht. Da wird die vermeintliche Natur des Menschen ins Feld geführt. Da wird auf Nordkorea verwiesen. Und da wird rhetorisch gefragt, was man denn eigentlich wolle, wo doch eine andere Gesellschaft überhaupt nicht möglich sei. Alles geht durcheinander, nichts wird geklärt
und doch glauben sie sich im Recht. Weil halt alles so ist, wie es ist. Die RealistInnen werden dadurch bestätigt, dass sich das Elend fortspinnt und aus den Menschen Feinde macht, was ihnen wiederum Beweis dafür ist, dass die Menschen naturgemässegoistisch und feindselig sind.

Dabei wäre es doch erst mal recht augenscheinlich, dass vieles so banal wie falsch ist: Es liegt nicht in der Natur, dass es BesitzerInnen von Maschinen gibt, die andere beschäftigen, um möglichst viel Geld zu scheffeln. Es ist kein unabänderliches Schicksal, dass einige kaum überleben können, während andere die dritte Luxusjacht kaufen. Es ist absurd zu glauben, dass der Mensch von Natur aus Handel treiben und Geld anhäufen würde, wo doch die Geschichte der Menschheit zu grossen

Teilen ganz anders verlaufen ist. Niemand bei Verstand will nordkoreanische Verhältnisse in der Schweiz installieren, die Argumente zielen in eine ganz andere Richtung. Sie zielen darauf, dass mit den heutigen Möglichkeiten und dem Wissen eine Gesellschaft realisierbar wäre, in der alle nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben könnten. Die Vernunft ist doch auf der Sei te derer, die auf diese Banalitäten hinweisen. Warum bloss bleiben die Argumente häufig so kraftlos? Woher kommt die beharrliche Uneinsichtigkeit?

Die Schwerkraft der Verhältnisse
Wir sind alle gezwungen, in dieser Welt zu leben und uns entsprechend ihren Vorgaben zu verhalten. Alleine können wir uns nicht der Lohnarbeit, den Steuern oder der Schule entziehen. Wir sind also davon abhängig, dass wir Geld verdienen, um dieses für mehr oder weniger nützliche Dinge ausgeben zu können. Damit das klappt, sind wir auf ein Unternehmen angewiesen, das uns einstellt. Ebenso auf einen Sozialstaat, der uns im Notfall einige Überreste des Reichtums zuteilt. Den FirmenbesitzerInnen und dem Staat müssen wir im Gegenzug unsere Arbeitskraft und einen Teil unseres erarbeiteten Geldes abgeben. Das scheint für uns, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen und sozialisiert sind, naturgegeben zu sein. Aus diesem Teufelskreis können wir nur kollektiv ausbrechen; nämlich indem wir das Bestehende einreissen, damit auf den Trümmern eine neue Welt entstehen kann. Dieses Projekt ist zurzeit aber nicht gerade weit fortgeschritten. Es scheint im Gegenteil, als wäre der Kapitalismus unumstösslich.

Unsere Kritik an dieser Gesellschaft bleibt also vorerst eine, die wir nicht praktisch umsetzen können. Denn auch wenn wir aus unserer Kritik Konsequenzen zu ziehen versuchen, steht einer befreiten Gesellschaft vieles entgegen. Das bestehende System ist sehr beharrlich und aus der eigenen Erfahrung kennen wir auch nichts Anderes. Darum ist es für die allermeisten Menschen schlicht eine emotionale Unmöglichkeit, sich gegen das Ganze zu positionieren. Es wäre ein zu eklatanter Widerspruch zum alltäglichen Leben und zu ihrer eigenen Erfahrung. Sie identifizieren sich stattdessen mit der Gesellschaft und ihrem Staat. Sie schmiegen sich auch gedanklich ganz an die bestehenden Normen an. Und sie bilden eine entsprechende Persönlichkeit aus. Sie reagieren oftmals ignorant oder gar aggressiv auf Menschen, die diese Gesellschaft in Frage stellen.Denn damit stellt man nicht einfach nur ein abstraktes System in Frage, sondern zugleich die Lebensperspektive jener, die es sich in dieser Gesellschaft eingerichtet und ihre Ellbogen ausgefahren haben.
Wenn Menschen in der Diskussion also auf schlüssige Argumente gegen das herrschende Schlamassel mit Abwehr reagieren, dann hat das ganz wesentlich damit zu tun. Das ist aber noch nicht alles.

Anpassung und Gewalt
Das ständige Sich-Anpassen, das Funktionieren und das Integrieren führen auch dazu, dass man gewisse Neigungen und Bedürfnisse unterdrücken muss. Man schafft sich einen Panzer. Man verhärtet sich. Faul sein? Sich den Zwängen entziehen? Nicht funktionieren? Geniessen ohne Leistung? Ich doch nicht! Die unterdrückten Bedürfnisse glaubt man dann in jenen zu entdecken, die nicht mitmachen wollen oder dürfen: Der faule Flüchtling, der lüsterne junge Mann aus Afrika, die gefühlsduselige Frau; oder eben die Kommunistin, die sich allem entziehen will und kein produktives Mitglied der Gesellschaft ist.

Nicht nur rassistische und sexistische Vorurteile, sondern auch die Wut auf jene, die es anders machen wollen, speisen sich aus dem Zwang nach Anpassung. Für viele werden diese Menschen persönliche Feinde. Diese Verhältnisse erfordern das geradezu, weil sie beständige Abstriche bei den eigenen Bedürfnissen erzwingen. Weil sie den Einzelnen den kapitalistischen Zwängen unterwerfen und ihn gegen alle anderen in knallharte Konkurrenz setzen. Solidarität und Kritik sind Momente, die man bewusst dagegen stark machen muss.

Es gibt ganze Heerscharen von Professionellen, die dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt: PolitikerInnen, PsychologInnen, JournalistInnen, LehrerInnen, PolizistInnen, Stars und ExpertInnen aller Arten. Die Liste ist fast so lang wie die Widersprüche, die diese Gesellschaft produziert. In Schule, Medien, Politik und Werbung werden Werte und Vorstellungen dieser Gesellschaft zementiert und uns mundgerecht immer und immer wieder präsentiert. Das wird aber nur wirksam, weil damit an das oben beschriebene angepasste Bewusstsein angedockt werden kann. Man wird zur eilfertigen Arbeitskraft, zur begierigen KonsumentIn und zur loyalen StaatsbürgerIn erzogen; und ist das dann auch gern.

Es gibt genügend Leute, die ein weit reichendes Interesse an der Aufrechterhaltung des ganzen Irrsinns haben, weil sie auf die eine oder andere Weise davon profitieren. Es hat wenig Sinn, mit diesen über das Problem Kapitalismus zu reden. Bei vielen anderen kann und soll man es durchaus versuchen, die Panzer sind nicht immer ganz kugelsicher. Die Verhärtung hat sich oftmals noch nicht ganz gegen Begehren und Träume durchgesetzt – und diese sind potentiell auf unserer Seite.